Wovon wir reden

Liedermacher (ein Lexikoneintrag):

"Der inhaltlich diffuse Begriff "Liedermacher" stammt aus der deutschen Protestbewegung der sechziger Jahre. Er bezeichnet jemanden, der von ihm verfasste Lieder (meist auf Gitarre oder Klavier begleitet) selbst vortr§gt. In der Regel vertritt ein Liedermacher ein Anliegen. Der Ausdruck Liedermacher ist eine Wortschöpfung Wolf Biermanns, der diese Bezeichnung vom "Stückeschreiber" Bert Brecht ableitete. Von der alternativen Subkultur der sechziger und siebziger Jahre wurde der Begriff zunächst im positiven Sinn verwendet. Ein Liedermacher war ehrlich, im weitesten Sinn politisch und - im Gegensatz zum Pop- oder Schlagersänger - nicht kommerziell ausgerichtet. Die Textaussage eines Liedermachers wurde als wichtiger erachtet als seine musikalischen Fähigkeiten. Da der Ausdruck Liedermacher für die unterschiedlichsten Künstlertypen herangezogen wird, ist er für eine einheitliche Charakterisierung ungeeignet. Im heutigen Sprachgebrauch sind Liedermacher z. B. in der linken Szene verwurzelte Sänger wie Franz Josef Degenhardt oder Hannes Wader, Straßenmusikanten wie Klaus der Geiger, bürgerliche Chansonniers wie Reinhard Mey, Blödelbarden wie Mike Krüger, englischsprachige, so genannte Topical Sänger, d. h. Sänger, die auf Missstände hinweisen, wie Bob Dylan, aber auch Individualisten wie Konstantin Wecker."
Verfasst von: Markus Vanhoefer. "Liedermacher", Microsoft(r) Encarta(r) 99 Enzyklop§die. (c) 1993-1998 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.

Hootenanny (vom Hören-Sagen):

Eine wörtliche Übersetzung dieses zu anfang der 60er Jahre in Nordamerika populären und in Europa übernommenen Begriffes scheint es nicht zu geben. Schlagen wir nach bei Lutz Kirchenwitz:

"Woody Guthrie und Pete Seeger hatten ihn Anfang der 40er Jahre als Bezeichnung für eine zwanglose Party von Linken mit Musik, Tanz und Essen in Seattle gehört und übernahmen ihn, als sie mit ihrer damaligen Gruppe, den Almanac Singers, in dem Haus, das sie gemeinsam bewohnten, wöchentlich Veranstaltungen machten, auf denen sie Gewerkschafts- und Friedenslieder und Lieder gegen den Rassismus sangen. So wurde Hootenanny zum Begriff für eine sehr demokratische, improvisierte und engagierte Konzertform. Pete Seeger beschreibt sie so: 'Ich würde sagen, ein gutes Hootenanny sollte sowohl alte als auch neue Lieder beinhalten. Es sollte verschiedene Arten von Sängern vereinen, und anstatt das Ganze wie ein Konzert zu sehen, wo einer fünf Lieder singt und dann der nächste fünf Lieder singt und dann wieder der nächste fünf Lieder singt, sollten alle zusammen auf der Bühne sitzen und Lieder austauschen, songswapping' sagen wir dazu. Vielleicht steigt jemand beim Chorus mit ein. Vielleicht improvisieren sie, vielleicht hat plötzlich jemand eine Idee für ein Lied. Ein Hootenanny kann man nicht im voraus planen. Das Publikum sollte ermutigt werden mitzumachen. Das Ganze ist ein ungezwungenes Konzert ... Das Hootenanny ist zwanglos, improvisiert, frei. Das Grundprinzip, daß viele Leute zusammensetzen, ist eine Erweiterung dessen, wie die Leute singen, wenn sie Zuhause sitzen, oder wenn sie in einer Kneipe sitzen und Bier trinken oder in einem Restaurant. Ihre Vorstellung ist nicht die von einer Bühne auf der einen und dem Publikum auf der anderen Seite. Sie amüsieren sich. Sie benutzen die Musik, um sich zu unterhalten und um einander zu informieren und um einander Mut zu machen, etwas zu untemehmen.
1962-63 gibt es in den USA eine regelrechte Hootenanny-Mode - Hootenanny in der Carnegie Hall, Hootenanny und Tanz, Hootenanny Allstars, eine wöchentliche Fernsehsendung mit dem Titel 'Hootenanny' und sogar Hootenanny-Stiefel.

(...) In der DDR spielt Eine wichtige Rolle bei der Folksong-Rezeption der seit 1959 in Berlin lebende kanadische Sänger Perry Friedman. Im Januar 1960 führt er im Klub der Jugend und Sportler in der damaligen Stalinallee eine erste Hootenanny durch, bei der Künstler wie Lin Jaldati, Gisela May, Herrnann Hähnel und Karl-Heinz Weichert mitwirken.

Friedman selbst gewinnt von seinen ersten Veranstaltungen in der DDR folgenden Eindruck: '... es war die Zeit der Kofferradios. Die Fähigkeit, selbst zu singen, und die Lust an Liedern schienen bei den Jugendlichen verschüttet zu sein. Volkslieder galten als unmodern, als geradezu lächerlich. Aber in den wenigen Konzerten dieser Art reagierten die Leute gut, echt interessiert und beinahe überrascht. Ich selbst war schockiert, daß ich in Programmen mit Feuerschluckern und Schlagersängern auftrat. Ich hatte geglaubt, es gäbe keine Schlager mehr im Sozialismus ... Aber ich merkte: Die Leute wollten singen. Sie hatten nur vergessen, wie einfach das ist ... das Bedürfnis, gemeinsam zu singen, halbvergessene Lieder wiederzufinden, lag in der Luft..."

 

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Erstellt am 25.11.1998HTML-Fassung im April 2002Zuletzt geändert am 20.06.2004