Die musikalische Dimension der Sanduhrmeditationen von Jürgen Trinkus Holzschnitt von Albrecht Dürer: Apokalypse: Die fünften und die sechsten Trompeten (1496-1498)

Texte brauchen Zeit, um sich im Hörer festsetzen zu können. In der reinen Lesung fehlt es an solcher Zeit. Die Aufgabe der Musik ist es hier also, dem ausgesprochenen Gedanken Raum zu geben.

Es geht dabei keinesfalls um Interpretationshilfen. Dem Hörer werden keine pädagogischen Krücken gereicht. Das heißt nun aber auch nicht, dass es lediglich um unverbindliche Pufferzonen ginge, um unverbindliche Klangteppiche, neutrale Sounds.

Wort und Musik verhalten sich im Idealfall symbiotisch. Sie haben jede ihre eigene Herkunft und waren von daher nicht füreinander bestimmt. Doch wenn sie aufeinander treffen, entsteht etwas Drittes, das schwer zu benennen ist.

Zunächst hatte ich die literarische Vorlage für mich entdeckt, und dann haben meine alarmierten Ohren über Jahre hinweg aus dem unaufhörlichen Strom der Musik aus Radios, Recordern und Playern ihnen passendes Material herausgefiltert.

Vieles bestand nicht erst die Tauglichkeitsprüfung. Bei dem, was am Ende übrig blieb, war oft verblüffend, wie detailgenau es passte. Das geht bis hin zur Länge von textlichen und musikalischen Abschnitten, die sich punkttgenau synchronisieren ließen.

Was ich mir ganz und gar nicht vorstellen kann, das ist eine Symbiose des Jünger-Textes der frühen 50er Jahre mit einer Musik dieser Zeit. Diese müsste bei den damals mühsam um zeitgemäße Klangsprache ringenden Neutönern gesucht werden. Das wäre sowohl den kosmischen als auch den irdisch-epochekritischen Gedanken der literarischen Vorlage nicht angemessen.

Auch würde ich nach diesen Erfahrungen immer wieder zu dieser Sample-Technik greifen, statt den zu transportierenden Text einem Auftragskomponisten in die Hand zu geben. Die literarische Vorlage würde dann in die Formensprache, den musikalischen Horizont und das Sinnverständnis eines bestimmten Tonsetzers gegeben. Das Ergebnis würde weit freudiger als Kunst gefeiert werden. Es würde dann Melodram, Orchesterwerk mit Sprecher oder Hörspiel genannt werden. Nichts von dem sind meine Wort-Musik-Symbiosen. Als kunstvoll-sinnreiche Gebilde wollen sie gleichwohl anerkannt sein, als Radiokunst.

Zeitlich gesehen stammen die verwendeten Aufnahmen fast ausschließlich aus den 70er und 80er Jahren. Genremäßig reicht die palette von Electronics (Pink Floyd, Tangerine Dream, Nik Tyndall, ART OF NOISE) über Jazz (Günther "Baby" Sommer) bis hin zu vertretern zeitgenössischer E-Musik (Alfred Schnittke). Geographisch stammen die Fundstücke aber auch aus Island (Thorstein Hauksson), Ungarn (EAST), Polen (Czeslaw Niemen), Slowakei (Marian Varga und Collegium Musicum) und DDR (Panta Rhei).

Kein Prinzip wäre vital ohne Ausnahmelösung. In den Sanduhrmeditationen gibt es im Unterschied zu meinen anderen Versuchen ("Reise des kleinen Prinzen"; "Mao Dun" und "Der kleine häßliche Vogel") zwei Stücke mit deutschsprachigem Text - aber hier soll nicht zu viel vorab geplaudert werden.


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Erstellt am 29.02.2004Zuletzt geändert am 29.11.2006 Mail an den Seitenautor: Jürgen TrinkusZur Homepage von J. Trinkus!