Ein Rundgang

 

In der viel zu kurzen Zeit der Präsentation dieser Komposition aus haptisch zu erlebender Kunst, wie sie uns Kurator Bernd Kebelmann zusammengestellt hat, ist mir - Jürgen Trinkus - der Tastweg im KulturForum in der Kieler Stadtgalerie zu einem Stück Heimat geworden. So oft es Ging, also nach Feierabend und an den zwei Wochenenden habe auch ich die schöne Aufgabe des Begleiters der vielen Besucher durch die Dunkelheit übernommen. Im Folgenden schreibe ich meine Empfindungen und Wahrnehmungen nieder, womit also unterstrichen ist, dass es sich um meine subjektive Auffassung handelt.

Wir schleusen uns ein ins Dunkel. Die schwere Tür und zwei Vorhänge bilden die Übergangszonen. Höchstens 6 Personen nehmen wir mit auf so einen Gang. Wenn der/die Letzte von ihnen in die erste Kammer der Lichtschleuse getreten ist und die Tür hinter sich geschlossen hat, ist da noch ein gutes Maß an Restlicht. Ich sage voraus, dass sich dieses Licht bei unserer Wiederkehr stark vermehrt haben wird. Und dann gehen wir los.

In der zweiten Kammer biete ich dem/der Nächststehenden meinen Arm. Die anderen fädeln sich auf zum Gänsemarsch, der uns bis zum ersten Objekt der Berührbarkeit führt. Sensible Füße orientieren sich an der Kante der Teppichbahn, die den Weg markiert. Etliche Besucher sind gern der Anregung nachgekommen, die Schuhe am Eingang zurückzulassen. Übrigens, auch Handtaschen behindern auf dem Tastweg. Sie konnten draußen am Tresen unter Aufsicht gestellt werden.

Auf dem ersten Sockel, Befinden sich zwei steinerne Werke von Uwe Gripp. Reichlich Platz für flach darauf zu legende Hände bietet die marmorne "Ravioli". Ich lade die Besucher ein, fest mit der flachen Hand am äußeren Rand entlang zu streicheln. Rasch offenbart sich, dass die scheinbar glatte Oberfläche wellig strukturiert ist. Nach all der kalten Glätte schlage ich vor, dem Stein unter den Bauch zu fühlen, was er ein Stück weit zulässt. Und da ist er roh und unbehaun. Und vielleicht gewinnt man ihn in diesem Moment so richtig lieb.

Wir rücken vor an die Linie. Der Stein ist lang und scheinbar aus einem Stück. Auch hier ist die Oberfläche glatt und kalt, und es gibt keine Chance, unter diesen Schein zu greifen. "Linie" besteht aus Marmor und Granit. Wo diese Flächen aber aneinander gefügt wurden, vermögen meine Finger nicht zu erkennen. Hier wäre ein Auge zu Rate zu ziehn. Aber da lassen wir es besser bei unserer Ahnungslosigkeit und rücken weiter.

Auf dem nächsten Sockel erwartet uns ein Konstrukt aus aneinander geklebten Glasplatten, auf die zwei scheibenartige Holzgebilde aufgesteckt sind. Es war wohl eine kecke Frau, die sprach, das erinnere sie an einen Serviettenhalter. Es wird Zeit, ihr den Namen des Werkes von Dieter Stolte zu sagen: "Aggregat".

Ganz erfreut sind unsere eher unsicheren Besucher, wenn ich ihnen eine einfache Orientierungstechnik zeige. Die Linke Hand bewegt sich zum rechten Rand des Sockels. Die freie Hand wird ausgestreckt und tastet nach dem nächsten Standort. Und sie findet ein Gebilde aus einem außen viereckigen Holzkörper, aus dem Metallstangen senkrecht nach oben ragen. Auch dieses Werk stammt aus der Stolteschen Werkstatt. Es hilft weiter, den Namen zu nennen: "Schiff". Diese Assoziation mag sich erschließen, wenn man die Finger ausstreckt zwischen den masten- und antennenartig aufragenden Stäben ins Innere des Holzkörpers. Er ist ausgehöhlt wie ein Einbaum, ein Kanu.

Die suchende Hand findet als nächstes ein Gerüst aus Metall. Da hineingehängt an Metallseilen sind schwingende Holzkörper. Wenn die tastenden Hände ins Spielen geraten, schlagen hölzerne Formen aneinander und das entstehende Geräusch erinnert mich an ein indonesisches Windspiel, das ich einmal einer Freundin schenkte. Die Besucher gehen hier in die Hocke, denn das Werk von Jochen Schumann, mit dem sie jetzt befasst sind, steht auf keinem Sockel, sondern reicht bis auf den Boden. Etliche, die an ihm hantierten, nannten es spontan und zutreffend "Pendel".

Zu den zwei Stücken auf dem nächsten Sockel war es mir immer wichtig, den Besuchern das Wenige mitzuteilen, was ich von der Urheberin darüber gehört und behalten hatte. Ich sage erst mal nicht, dass Cathy Fleckstein Keramikerin ist. Ansonsten wäre es vielen vielleicht leichter gefallen, das Material als Terracotta zu benennen. Zwei Stücke also ragen vom Sockel aufrecht in die Höhe. Sie sind rechtwinklich: glatt außen das linke und kleinere; glatt innen das andere. Was Cathy Fleckstein hier hingestellt hat, heißt "Eckenabnahmen" und stellt ihren Abschied dar von einem dem Abriss geweihten, sie vordem bergenden Haus. Mich erregt die jeweils der Eckenabnahme abgewandte, scheinbar unbearbeitete Seite. Die unebene Oberfläche muss wohl sehr beredt sein. Ich finde Fingerabdrücke darin. Wollte sich die Abschiednehmende hier festkrallen? Ich vermeine, eine wilde Landschaft aus Emotion unter meinen Händen zu haben.

Überraschend ist die Wendung zum nächsten Exponat. Drei Stoffbahnen hängen nebeneinander. Wer sie zunächst für Vorhänge hält, muss genauer hin fassen. Wir stehen vor den "Leinwand-Geometrien" von Silke Radenhausen. Geometrische Formen ragen uns entgegen, lassen sich aber auch nach hinten umkehren. Weibliche Rundungen, männliche Vierecke und kindlich-zipfliche Dreiecke sind da, in die sich die Hände spielend vertiefen können.

Folgen wir der Teppichkante weiter, so stoßen wir an einen Sockel, der extra flach gehalten ist, denn auf ihm erhebt sich ein hohes Tier. Wir stehen vor dem "Vogel" von Nana Schulz. Endlich ist da etwas Körperhaftes zu erkunden, was aus vielerlei Stoffen gestaltet ist. Die tastenden Hände finden Krallenn, Flügel, Schnabel, Augen. Groß und phantastisch steht er da, der Vogel.

An der nächsten Ecke wartet eine Plastikbadewanne und die Hände finden darin erst einmal Plastikentlein, wie sie die Kinder mitnehmen ins Badewasser. Und beinahe entgeht den Fühlern das Eigentliche, was sich stehend in der Wanne aufgerichtet hat: Die "Heldin" von Martin Wolke. Recht schnell finden die aufwärts gleitenden Hände die Rundungen des spärlich von einem Bikinioberteil bedeckten Busens. Bloß und offen darunter der Bauchnabel. Unter einem Helm bewährt, streckt die Heldin frech die Zunge heraus. Die Hände finden noch viel mehr Details. Das Gesamtbild bleibt widersprüchlich.

Ben Siebenrock hat seinen "Eingriff" gleich in zwei identischen, seitenverkehrt nebeneinander positionierten Ausführungen hergestellt: einmal in Stein und einmal in Bronze. Hier können die Hände auf harmonischen Rundungen liegen und in ebenso vollendete Höhlungen eintauchen. Manchmal fühlen sie sich an eine Gelenkpfanne oder Kugel erinnert. In einer langen, geraden, in ihren Wandungen aber sanft geschwungenen Höhlung mag ein großes inneres Organ Fassung finden. Der Meister hat sich tatsächlich von Formen anregen lassen, wie sie ein Eingriff in den menschlichen Körper offenbart. Und ich hätte nie gedacht, dass sich darin so viel Ästhetik mitteilen könnte. - Die zwiefache Ausführung mag aber auch einfach nur der Materialkunde dienen. Liegt die eine Hand auf dem Stein und die andere auf dem Metall, spürt der Mensch bald, wie zwar beide dem Körper Wärme entziehen; aber während der Stein sie gleich speichert, leitet das Metall sie einfach ab, wodurch es natürlich kälter wirkt.

Die folgenden vier Werke stammen von Jörg Plickat. Rauhes Eisen fassen die Finger zunächst. "Begegnung" heißt das Werk. Wer den verschlungenen Wegen der Form folgt, mag dem Namen auf die Spur kommen.

"Balance" heißt das Stück rechts der "Begegnung". Es war eine Besucherin, die ich begleitete, die mir auf die Spur des Namens verhalf. Das bizarr geformte und gestrebte, recht kantige Gebilde lässt sich über zwei Ecken kippen, ist aber eben standfest ausbalanciert.

Sehr glatt, wohl geformt, doch recht abstrakt ist das folgende Stück: "Paar" heißt es, doch warum? Eine in Stein gehaune Verschmelzung? Ich vermag es nicht zu durchdringen.

"Wind und Meer" sind die Prägungen des afghanischen Lapislazuli, den die Hände dann entdecken. Glatt geschliffene Flächen wechseln sich unregelmäßig ab mit rauhen, tief gekarsteten. Das rauhe Meer mag hier poliert haben. Der Wind vollendete wohl das Werk der Erosion, der Verwitterung. Eine große Projektionsfläche für Träume!

Aus altem Armiereisen und Backsteinstücken hat Jochen Schumann seinen "Turm" gebaut. Auf einem Backsteinfundament ragen die metallenen Streben auf und tragen in der Höhe ein steinernes Dach. Man kann die Ausdünstungen rostenden Metalls und schwitzenden Backsteins riechen.

Rund und ebenmäßig ragt der "Hort" von Cathy Fleckstein wie ein Schlusspunkt auf. Streicht die Hand an der Rundung entlang, vermeint sie eine Rindenstruktur zu fühlen und das Hirn assoziiert einen Baumstumpf. Aber klopfen die Fingernägel am Stoff, gibt er einen nicht allzu tiefen, aber dunklen Ton von sich. Metall? - Die Hand fährt nach oben. Ein offenes Gefäß ist das nicht. Streicht die Hand über die Deckfläche und fährt gar ein Fingernagel auf ihr entlang, wird es offenbar: unglasierte Keramik. Ja, es ist Ton! Er ist geheimnisvoll, klingt nach in uns, wie vieles, was wir jetzt hinter uns lassen werden.

Am Rand der Bühne entlang, wandern wir zurück zur Lichtschleuse. Und wirklich: Das Licht, welches die Hinaustretenden empfängt, ist greller geworden.

Jürgen Trinkus am 30. August 2003

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Erstellt am 30.08.2003Zuletzt geändert am 31.08.2003 Mail an den Seitenautor: Jürgen Trinkus!