Grußwort
von Stadtpräsident Dr. Arne Wulff zur Ausstellungseröffnung "Tastwege zur Kunst -
Die Dunkelausstellung"

Gesprochen Dienstag, 12. August 2003, 19.00 Uhr, Kulturforum der Stadtgalerie, Kiel vor ca. 95 Besuchern - hier gekürzt, in der autorisierten Fassung wiedergegeben

  <>(...) im Namen der Landeshauptstadt Kiel begrüße ich Sie herzlich zur Eröffnung der Dunkelausstellung TASTWEGE ZUR KUNST im Kieler KulturForum.

Das städtische Kulturamt ist ja bekannt dafür, dass es gerne einmal unkonventionelle Wege bei der Vermittlung von Kunst geht. Ich denke da zum Beispiel an die "Ohrenweide"-Veranstaltungen im März dieses Jahres. Gemeinsam mit dem "Dialog Blickfrei" eröffnete man mittels audiovisueller Verführungen "den zweiten, den anderen, den erweiterten Blick" auf die Kunst. Zum Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen lade ich Sie von heute an dazu ein, sich bei der Erkundung zeitgenössischer Kunst in die Hände von Nicht-Sehenden zu begeben. Auf dass Sie besser sehen lernen. Ein Widerspruch? Keineswegs!

Diesmal setzen die Veranstalter auf haptische Reduktion. Was heißt das? Haptische Reduktion meint hier: Den Versuch wagen, unserem taktilen Empfinden, dem Fingerspitzengefühl, dem Begreifen im Wortsinn die zeitgenössische Bildhauerkunst nahe zu bringen. Dazu werden die Objekte in verdunkeltem Umfeld gezeigt. Der eingerichtete Parcours weist den gefühlten Weg durch die Ausstellung und nicht-sehende Helferinnen und Helfer bringen uns zurück auf den rechten Weg, wenn wir uns einmal verlaufen.

TASTWEGE ist damit ein Kulturerlebnis der besonderen Art. Über den Kunstgenuss hinaus hilft es uns, ein wenig besser zu verstehen, wie sich blinde Menschen durch ihre Welt bewegen und wie sie sie wahrnehmen. Und welche spezifische Wahrnehmungskompetenz sie dabei entwickeln.

Erleichtert wird der Zugang zur Dunkelheit durch ein umfangreiches musikalisches und literarisches Rahmenprogramm. Zwei zusätzliche Veranstaltungen ermöglichen es den Besucherinnen und Besuchern, eigene intensive Erfahrungen zu machen. Ich bin sicher, dass dieses Angebot in Kiel gut angenommen wird.

Meine Damen und Herren,

die meisten Europäer lieben die Dunkelheit nicht sehr. Vermutlich hängt das mit der Aufklärung zusammen. In unserer Vorstellung hat die strahlende Sonne der Vernunft die Finsternis des Aberglaubens erst durchdrungen und die Unordnung der Welt sichtbar gemacht. Nicht ohne Grund nannten die Humanisten der Renaissance ihre Feinde "Dunkelmänner". "Mehr Licht!" soll auch Goethe 1832 auf dem Totenbett gerufen haben.

Es gibt jedoch auch Löcher im Licht. Bereits die Psychoanalyse hat das Dunkle, das Verborgene in uns - und die Angst davor - als produktives Element entdeckt. Die Dunkelheit ist also gar nicht immer so schlecht wie ihr Ruf. Sie kann auch Schutz und Hilfe sein. In diesem Sinne sind die TASTWEGE vergleichbar mit einem Kino inneren Erlebens. Es ist ein spannender Streifen - verlassen Sie sich darauf! Lassen Sie sich darauf ein!

Die Grundlage für dieses Erleben sind ohne Zweifel die einzelnen Exponate. Die ausgestellten Skulpturen, Plastiken und Objekte stammen allesamt von bekannten schleswig-holsteinischen sowie Kieler Künstlerinnen und Künstlern. Das freut mich sehr. Denn es zeigt - diese Stadt verfügt über eine lebendige Kunst-Szene. Und die wollen wir auch künftig auf konventionelle oder - wie heute: auf ungewöhnliche Art - fördern und stützen.

Gemeinsam mit dem städtischen Kulturamt hat Bernd Kebelmann diese Ausstellung konzipiert. Dafür möchte ich ihm und allen seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern im Namen der Landeshauptstadt Kiel an dieser Stelle noch einmal herzlich danken. Besonderer Dank gebührt der Bezirksgruppe Kiel des Blinden- und Sehbehinderten-Vereins Schleswig-Holstein e.V., die die ehrenamtlichen Dunkelbetreuer stellt.

Nun aber genug der vielen Worte - Ich wünsche Ihnen nun noch viel Vergnügen bei der Entdeckung der Dunkelheit. Erleben Sie es, so wie ich im Blindenverein. Versuchen Sie zu sehen wie Blinde: Sie werden feststellen, dass wir Nichtblinde nicht alles sehen!

Ich übergebe das Wort an den Kurator Bernd Kebelmann.

 

Tastwege - unsere Ausgangspunkte Ein Rundgang durch die Ausstellung Aus dem Festvortrag Die öffentliche Resonanz
Das Konzept Tastwege-Termine Kurator Bernd Kebelmann Beteiligte und Partner
Hier erfahren Sie mehr zum Konzept von Dialog blickfrei! Unsere Termine! Kontakt/Impressum! Startseite blickfrei!

Erstellt am 21.08.2003Zuletzt geändert am 31.08.2003 Mail an den Seitenautor: Jürgen Trinkus!