Sanduhr-Meditationen:
eine Leseprobe

Kupferstich

Zu diesem Kupferstich von Albrecht Dürer aus dem Jahre 1516 schrieb Ernst Jünger den folgenden Text:

Im Leben junger Menschen gibt es Jahre, in denen sie von einer dieser Zellen,Klausen, geistigen Warten zur andern wechseln wie zwischen Stützpunkten, deren jeder von einem mehr oder weniger sonderlichen Insassen besiedelt ist.
Ob man im Süden aus dem Garten die Zikaden schnarren hört, ob man im Norden auf verschneite Giebel blickt, ob man ein Mietzimmer oder eine Wohnung im väterlichen Hause aufsucht: überall herrscht Hieronymitischer Geist.

Man wird der Armut und selbst der bitteren Not weit öfter als der Opulenz begegnen, und doch haben fast alle Reichen und Mächtigen der Erde Jahre, und meist ihre schönsten Jahre in solchen Denkhütten verbracht, in denen Arbeit und Muße zwielichtig ineinander übergehen.
Schwer ist es, diese Stimmung in spätere Stände des Lebens zu übernehmen, vor allem, wenn der Erfolg sich andeutet. Doch ist es nicht unmöglich, da es sich weder um den Unterschied von Alter und Jugend handelt, noch der von Armut und Reichtum das Klima schafft.

Wer möchte nicht teilhaben an dieser Stille, inmitten der warmen hölzernen Täfelung, während in der Ecke der Sand durch das Stundenglas rieselt und vor dem Pult ein Löwe träumt, den man in unseren Zeiten durch eine Katze ersetzen kann.

Ernst Jünger: Das Sanduhrbuch. Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt a.M., 1953, S. 10


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Erstellt am 25.02.2004Zuletzt geändert am 29.11.2006 Mail an den Seitenautor: Jürgen Trinkus
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