Gedenktafel Segelschulschiff

Ernst Jünger -
der Autor der Textvorlage der "Sanduhrmeditationen", Text-Musik-Symbiose von Jürgen Trinkus

"Es ist nicht nötig, daß ich lebe,
wohl aber, daß ich meine Pflicht tue."

Diese Inschrift ist nicht von Ernst Jünger, aber sie entspricht jenem Zeitgeist, den er mitgeprägt hat und der auch im späteren "Sanduhrbuch" nachklingt. Die linksseitig zu sehende Gedenktafel erinnert auf Fehmarn an das Segelschulschiff "Niobe", welches im Sommer 1932 von einer Fallböhe in die Tiefe gerissen wurde ((Quelle!).

Dies ist nicht der Geist, den ich beschwören will, wenn ich "Das Sanduhrbuch" zu seinem 50. Erscheinungsjahr aufgreife. Meine Beweggründe finden sich an anderen Stellen dieses Readers. Hier geht es um die Biographie eines der wichtigsten Denkers des 20. Jahrhunderts. An ihm kann sich keiner vorbeimogeln, der seiner Zeit auf den Grund kommen will.


Ernst Jünger lebte vom 29.03.1895 bis zum 17.02.1998, wurde also fast 103 Jahre alt, obwohl er der Todesgefahr gerade in seinen jungen Jahren keineswegs ausgewichen ist. Schon im November 1913 lief er von zu Hause weg, ließ sich anwerben von der Fremdenlegion, aber sein Vater, ein Apotheker und Kaligrubenbesitzer, holte ihn mit beträchtlichem diplomatischen Aufwand zurück. Doch schon am ersten Tag des I. Weltkrieges meldete sich der 19-jährige Heißsporn als Kriegsfreiwilliger. Nach einem Offizierslehrgang 1915 avancierte Ernst Jüngerzum Leutnant und 1917 zum Stoßtruppführer. Im Laufe seines Fronteinsatzes wurde er acht mal verwundet. Das Kriegsende erlebte J. im Lazarett. Er wurde mit zahlreichen hohen Ehrungen bedacht: Ritterkreuz des Hohenzollernschen Hausordens, Orden Pour le Mérite.

1923 nahm Ernst Jünger seinen Abschied als Soldat und studierte bis 1925 Zoologie und Philosophie in Leipzig und Neapel (ohne Abschluß). Seit 1925 war er als freier Schriftsteller tätig, wie auch sein Bruder Friedrich Georg (1898-1977). Bereits 1920 brachte Ernst Jünger sein stilisiertes Kriegstagebuch "In Stahlgewittern" im Eigenverlag heraus. Das Buch wurde damals als Aufruf zur Besinnung auf sich selbst gelesen und hat mit seiner romantisch-heroisierenden Überhöhung sicher Mitschuld am Weg manchen Gymnasiastens in die Schlachten des zweiten Weltkriegs.. Die frühe Kriegsprosa versperrte bis zum Schluß eine unvoreingenommene Beurteilung seines literarischen Lebenswerks, obwohl er mehrmals und so 1979 in seiner Ansprache in Verdun die Kriegsideologie der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg als einen "bestürzenden Irrtum" verurteilte.

Bis 1930 arbeitete Ernst Jünger an verschiedenen Zeitschriften der nationalen Rechten und der "Konservativen Revolution" mit, zum Teil als Mitherausgeber. Er pflegte in diesen Jahren Kontakt zu Vertretern des rechten und linken Nationalismus. Für die Nazis war er interessant, weil er mit seiner Sprachmächtigkeit und Gedankenfülle weite Kreise junger bürgerlicher Intellektueller ansprach. Als Jüngers philosophisches Hauptwerk dieser Zeit gilt der 1932 herausgekommene Band "Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt", in dem er der welthistorisch bestimmenden Figur des Kriegers in mythisch-heroischer Sprache das Zeitalter des Arbeiters entgegenhielt. Zu den "geistigen Schrittmachern des Dritten Reiches" zählte man ihn nicht zuletzt wegen seiner Schrift "Die totale Mobilmachung".

Aber der eher elitäre "Waldgänger" war nicht für den politischen Alltag zu haben. 1927 lehnte er einen Reichstagssitz der NSDAP ab und 1933 die Wahl in die nazifizierte Deutsche Akademie. Die Rolle des reinen Beobachters, die er während der Nazi-Herrschaft einnahm, hielt er, abgesehen von einer konspirativen Tätigkeit im Umkreis des 20. Juli 1944, bis an sein Lebensende durch, wie sein Munzinger-Biograph bemerkt.

Als erste Form der inneren Emigration und als einen literarischen Akt des Widerstands begriff man Jüngers Prosa "Auf den Marmorklippen" (1939). Sein Buch "Gärten und Straßen" (1942) war im NS-Staat bereits unerwünscht.

1939 als Hauptmann reaktiviert, gehörte Jünger ab 1941 dem Stab des Militärbefehlshabers in Frankreich, General von Stülpnagel, an. Er beobachtete die militärische Widerstandsbewegung mit Sympathie, beteiligte sich aber nicht aktiv am Putsch gegen Hitler. Allerdings wurden im Verschwörerkreis Abschriften seiner Schrift "Der Friede" herumgereicht, die zwischen 1941 und 1943 entstand und 1945 herauskam. Unter dem Eindruck früher Informationen über die Greueltaten der Nazi forderte Jünger darin u. a. eine Verurteilung der Kriegsverbrecher. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde Ernst Jünger aus der Armee entlassen. Warum er nicht weiter verfolgt wurde, blieb ungeklärt.

"Widerstandslorbeeren" lehnte er selbst ab. Aber er weigerte sich, den "Fragebogen" der Alliierten auszufüllen. Die Folge war ein Publikationsverbot für Deutschland, das erst 1949 aufgehoben wurde.

Ab 1949 erschienen Schriften, die in den Jahren des "Dritten Reiches" entstanden waren oder dieses reflektierten (Kriegstagebücher "Strahlungen" und "Jahre der Okkupation"; "Ein Inselfrühling", "Atlantische Fahrt", "Myrdun" und "Aus der goldenen Muschel").

Jüngers Spätwerk ist sehr vielgestaltig. Hierher gehört ein utopischer Roman "Heliopolis" (1949), eine Aphorismensammlung "Autor und Autorschaft" und die meisterhafte Kriminalerzählung "Eine gefährliche Begegnung" (1985).

Mit den Krankheitssymptomen unserer Zeit beschäftigten sich die Bücher "Der Waldgang" (1951) und "Besuch auf Godenholm" (1952). In diese Reihe gehört m.E. auch "Das Sanduhrbuch" (1954).

"Im "Waldgänger" fand J. nach dem "unbekannten Soldaten" und dem "Arbeiter" die dritte der "großen Gestalten" des Jahrhunderts: Er repräsentierte nach J. die "Freiheit es einzelnen in dieser Welt" und war Träger des Widerstands gegen die Tyrannei." (vgl. Munzinger biographisches Archiv).

Einiges Aufsehen erregte J.s Buch "Annäherungen. Drogen und Rausch" (1970). Viel Anerkennung fand der Band "Zeitsprünge. Träume" (1990). Im Prosaband "Die Schere" (1990) ließ Jünger noch einmal die Grundfragen seines Werkes an- und zusammenklingen.

Eine neue Leserschaft, auch und vor allem aus der sog. Linken, erschloß sich J. in den 80er Jahren durch seine kultur- und technologiekritisch grundierten Tagebücher "Siebzig verweht", die 1980-1997 in fünf Bänden herauskamen.

Das wundert denjenigen nicht so sehr, der sich schon in das Labyrinth des Sanduhrbuches hineinziehen ließ.

Trotz großer Ehrungen wie dem Goethepreis der Stadt Frankfurt blieb an Jünger in Deutschland immer das faschistoide Etikett kleben. Großes Ansehen dagegen genießt der Jahrhundertautor beim "Erbfeind", also in Frankreich. Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand besuchte den greisen Dichter am 20. Juli 1993 in Wilflingen.

Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach erwarb Anfang 1995 von Jünger die Bestände seines Archivs und seine Bibliothek.


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Erstellt am 29.02.2004Zuletzt geändert am 29.11.2006 Mail an den Seitenautor: Jürgen TrinkusZur Homepage von J. Trinkus!

Für die freundliche Genehmigung, das Foto zu verwenden, danke ich herzlich Michael Tettinger. Seine Fehmarnseiten kann ich nur empfehlen!

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